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Corona und die Folgen für die Robotik – eine Einschätzung

Aktuelle Termine:
automatica: 16.06.-19.06.2020
Hannover Messe: 13.07.-17.07.2020

Es droht eine Rezession und wichtige Messen werden verschoben. Corona trifft die Wirtschaft im allgemeinen und die Investitionsgüter und somit auch die Robotik im besonderen vermutlich hart. Spekulativ: Dank zu erwartender Investitionszuschüsse (Konjunkturprogramme) könnte sie im Anschluss aber boomen.

Dass die automatica – so sie stattfindet – nun vor der Hannover Messe abgehalten wird, bringt zudem den Neuheiten-Kalender durcheinander. Was als Premiere für die Hannover Messe gedacht war, wird nun vermutlich im Juni bei der automatica anstelle der erst im Anschluss stattfindenen Hannover Messe vorgestellt. Die Hannover Messe hätte – wie stets – Ende April stattfinden sollen.

Die Zeit der „Powertage“ ist erst mal vorbei.

Etablierte Unternehmen wie Schunk oder Universal Robots werden eine Krise sicherlich leichter wegstecken können. Schunk hat sich die nahe Zukunft gleichwohl anders vorgestellt. Das Unternehmen investiert seit 2019 rund 85 Mio. Euro in neue Fertigungs- und FuE-Kapazitäten in der Nähe seines Stammsitzes und in den USA (Link). Die Gebäude werden in wenigen Monaten fertig sein, doch werden sie dann nicht mehr direkt benötigt. Bei einem Umsatz von 1,3 Mrd. Euro und einer geschätzten Eigenkapitalquote von rund 65% sind derartige Dellen aber leicht verkraftbar. Dies wird durch die unverändert zahlreichen offenen Stellen bestätigt – die Geschäftsleitung denkt langfristig, wie es eben erfolgreiche Mittelständler tuen. Universal Robots genießt ebenfalls das Privileg zu einem finanzstarken Konzern zu gehören.
Bei den chinesischen Anbietern ragt Siasun heraus. In einem negativen Umfeld (miese Börse & Hauptmarkt ist China und damit das Ursprungsland des Virus) liegt der Aktienkurs noch immer über dem Mittel des 2. Hj. 2019. Fanuc ist natürlich auch solide, aber interessanterweise hat es den Primus derart gebeutelt, dass die Kapitalisierung mit rund 30 Mrd. Euro deutlich unter vergangenen Werten liegt. Börsennotierte Konzerne neigen in schwierigen Zeiten allerdings zu stärkeren Einsparungen als sich fest in Familienhand befindliche Unternehmen, so der Puffer vorhanden ist.

Zu einer denkbar ungünstigen Zeit kommen die jüngsten Entwicklungen hingegen für Startups, die Kapital suchen. Denn deren Unternehmenswert hat sich fast zwangsläufig reduziert. D.h. die Gründer müssen um das gleiche Kapital zu erhalten mehr Anteile als zuvor abgegeben. Möglicherweise werden potenzielle Investoren auch risikoaverser. Eine Ausnahme können hier Startups sein, die bereits ein marktfähiges Produkt haben, das eine große Kostenersparnis verspricht und noch keine Konkurrenz hat. Wer „nur“ Cobots herstellt, gehört allerdings nicht zu dieser Gruppe. Profitieren könnten vielleicht Anbieter von Programmierhilfen wie drag&bot, Wandelbots oder artiminds. Hier stimmt die Amortisationsrechnung und die bearbeiteten Stückzahlen werden geringer, was wiederum mehr Flexibilität bei der Programmierung erfordert.

Zuvor ausfinanzierte Startups können nun ein Problem bekommen, wenn die Umsätze nicht wie geplant eintreten und sie daher einen höheren negativen Cash flow als budgetiert haben. Dann benötigen sie eine Nachfinanzierung und die Gründer sind den Kapitalgebern ausgeliefert.

Doppelt ungünstig sind die Rahmenbedingungen für Unternehmen, die ein feines Produkt entwickelt haben und nun in den Markt eintreten wollen. Einerseits gibt es weniger Präsentationsmöglichkeiten (neben Messen hat es auch Fachtagungen getroffen bzw. potentielle Kunden untersagen Besuche Dritter) und andererseits wird die Nachfrage einfach niedriger sein. Vermutich besteht neben der geringeren Nachfrage auch ein verstärkter Preisdruck. Zuvor interessante Konditionen für den Außendienst greifen nicht mehr. Referenzen sind zu schwerer aufzubauen.

Einen Sonderfaktor werden etwaige Konjunkturprogramme darstellen. Kommen sie und beinhalten sie hohe Investitionszuschüsse für KMU, könnte die Robotik eine Sonderkonjunktur erfahren.

Generell könnte Corona zu drei Szenarien führen, so das Handelsblatt:

  1. Alles wird wieder gut, so wie früher.
  2. Nachfrageeinbruch mit Gefahr einer Deflation (= Kostendruck und Druck zu Automatisieren).
  3. Stagflation: Eigentlich bessere Nachfrage, aber langfristig gestörte Lieferketten führen zu einem Preisanstieg. (= Kostendruck und Druck zu Automatisieren).

Ein bekannter Spruch lautet, langfristig sind wir alle tot. Dies gilt aber nur für uns Menschen, nicht für die Robotik.

Der Autor hat Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt strategisches Management (u.a. in St. Gallen) studiert und ist als Berater tätig. Während der Finanzkrise hat er in Zusammenarbeit mit Regionalbanken zahlreichen Unternehmen die damals dringend notwendige Liquidität gesichert. Er koordiniert das große Robotik-KI-Projekt Boost-Bot (zuvor bekannt unter Opdra), bei dem ein Omron-Cobot den Maschinenbildschirm ausliest und mittels intelligenter Algorithmen und KI über die Tastatur die Maschine steuert – alles ohne Schnittstelle und ohne Cloud. Das Standardbuch über Cobots stammt ebenfalls von ihm.