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Brauchen wir ein Robotik-Cluster?

Die Prognosen für Robotik sind sehr gut. Dies gilt sowohl für den Bereich der etablierten (Industrie-) Roboter wie auch der neueren Cobots (Mensch-Roboter-Kollaboration), der Exoskeletons, der Lager-Roboter oder auch der Pflegeroboter. Aber welche Chance hat die europäische bzw. die deutsche Industrie? Bei Technologien wie Handy, soziale Netzwerke, Cloud,  Suchmaschinen oder auch der 5G-Infrastruktur ist die Bedeutung europäischer Firmen gering bis bedeutungslos. Gerade wurde bekannt, dass Amazon, Microsoft und Apple jeweils eine eigene Robotik-Cloud betreiben werden.
Ich sehe auch bei der Robotik die Top-Player nicht in Deutschland und selten in Europa. Die aktuellen Probleme von Kuka (Nr. 4 auf dem Weltmarkt für Industrieroboter) sind bekannt. Kuka hat trotz Fertigung vor Ort bislang keinen preiswerten Roboter für den wichtigen chinesischen Markt, der allein 1/3 aller Roboter aufnimmt und wird jetzt offenbar so streng von den chinesischen Eigentümern kontrolliert, dass die Firma erstmals nicht mehr an der Hannover Messe teilnehmen wird – korrekterweise muss aber auch erwähnt werden, dass viele große Unternehmen verschiedenster Branchen aus Kostengründen Hausmessen veranstalten. Der schweizer Roboterhersteller ABB baut in China gerade die modernste Roboter-Fabrik samt eigener Forschungsabteilung.  Dies geschieht auch vor dem Hintergrund, dass China verlangt, dass künftig 70% der in China verkauften Roboter lokal hergestellt werden (ursprünglich sollten sie sogar von chinesischen Firmen hergestellt werden). Wer dort nicht produziert, droht der Verlust des Marktzuganges. Das Fehlen einer Kuka-Forschung in China trug übrigens ebenso wie die fehlende Perspektive eines Kuka-MRK für unter 10.000 € mit zur Abberufung des bisherigen Kuka-Chefs bei. Sollte die 70%-Vorgabe auch für das Robotik-Zubehör (Greifer, Optik, Arbeitssicherheit) gelten, wären kleinere Hersteller vom chinesischen Markt faktisch ausgeschlossen. Denn diese werden nur eine Fertigung betreiben und die wird Zuhause angesiedelt sein. Umso wichtiger wäre eine starke Position auf den restlichen Märkten der Welt damit sie bestehen können.

Der deutsche Lagerroboter-Hersteller Magazino hat in Summe einen mittleren zweistelligen Mio-Betrag von Investoren (u.a. Zalando) erhalten, aber im Vergleich zu Geek aus den USA (in Runde B 150 Mio $!) erscheint dies wenig. Die deutsche Hahn Automation hat die IP der insolventen Rethink Robotics übernommen, deren Ruf war zuvor jedoch nicht perfekt und das Unternehmen erreichte nie die benötigten großen Stückzahlen. Die in Deutschland entwickelten Franka Roboter haben mit Voith einen starken Gesellschafter. Die erhoffte hohe Kundenzahl gibt es offenbar trotz des niedrigeren Preises noch nicht (Nachtrag: Zwischenzeitlich sollen rund 600 Stück/ Monat gefertigt werden). Der in Hannover mit chinesischen Geldern entwickelte Yuanda dürfte aus deutscher Sicht ohnehin nur bedingt von Interesse sein: Die Fertigung wird in China erfolgen, die IP wandert sicherlich auch nach China.

In Deutschland gibt es zwar einige interessante und größere Greifer- und sonstige Zubehör-Spezialisten (z.B. Schunk, Schmalz, Sick, Pilz, Festo) eine extrem weitreichende Zusammenarbeit wie im dänischen Odense erfolgt aber nicht. In dieser dänischen Stadt sind nicht nur der MRK-Weltmarktführer Universal Robots (Marktanteil weltweit rund 50%), sondern auch auch rund 120 Roboter-nahe Firmen beheimatet. Es erfolgt ein reger Austausch, unterstützt von einem Cluster-Zentrum. (Nachtrag: Ein interessanter Artikel über Odense wurde im Handelsblatt Ende Dezember 2018 veröffentlicht.) Schunk hält seine Hausmesse, die „Expert Days“ 2019 erstmals nicht mehr am Stammsitz ab – man geht nach Odense. Das Silicon Valley Robotics-Cluster ähnelt übrigens dem dem Odense-Cluster.

An solch einem konzentrierten Zentrum fehlt es in Deutschland. Hier gibt es neben Fraunhofer seit kurzem in München die neue Munich School of Robotics and Machine IntelligenceR (MSM). Dieses Institut der TU München bündelt über 30 bestehende und neue Lehrstühle auf den Gebieten der Robotik, autonomes Fahren und Künstliche Intelligenz. Letztlich handelt es sich um eine bayerische Insellösung. Bei der KI hinkt Europa zudem bekanntlich hinterher und das angekündigte große KI-Förderprogramm der Bundesregierung über 3 Mrd. € relativiert sich angesichts seiner langen Laufzeit bis 2025. Denn laut Handelsblatt sieht der Bundeshaushalt für 2019 lediglich KI-Fördermittel in Höhe von 500 Mio € vor. (Nachtrag: Auf dem KI-Summit des Handelsblattes Ende März 2019 wurde betont, dass das Geld noch gar nicht im Haushalt vorgesehen sei und zudem bisherige Initiativen einschließt.)

Wie ein deutsches Cluster ausschauen könnte, zeigt das Carbon Composites mit heute über 300 Mitgliedern. Von Augsburg aus wird Carbon-nahen Unternehmen eine gemeinsame Plattform incl. zahlreicher Dienstleistungen (interne Software-Plattformen/ Begleitung bei Förderprojekten) geboten. Das Video zum zehnjährigen Jubiläum gibt einen guten Eindruck in das Wirken dieses Clusters.

Wie könnte ein Robotik-Cluster aussehen? Auf EU-Ebene macht es wohl wenig Sinn. Abgesehen davon, dass viele EU-Technologiestrategien samt eigener Suchmaschine gescheitert sind (2000 beschloss die EU gar zur führenden Technologie- und Wirtschaftregion zu werden), sind die Technologie-Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedsländern  zu groß. Augenscheinlich wird es am Vergleich der Patentanmeldungen. Die Firmen des Landkreises München (400.000 Einwohner) dürften mehr Patentanmeldungen als ganz Griechenland halten. Zudem darf ein Cluster geographisch nicht zu ausgedehnt sein, da ansonsten die Gefahr der „Überdehnung“ droht.

Eine Lösung könnte daher ein gemeinsames Cluster von Deutschland oder zumindest seiner Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern (in Bayern, aber eben nur in Bayern, wird Robotik vom Cluster Mechatronik & Automation mitbetreut) zusammen mit Österreich, der Schweiz und vielleicht Nord-Italien sein. Sicherlich eine Vision, aber  vielleicht eine erstrebenswerte. Was meinen Sie?

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