Neura Robotics Inside – Besuch des vermutlich nächsten Einhorns (2/2)

Wie im ersten Teil des Artikels geschrieben, hatte ich die Gelegenheit David Reger (Foto oben), Gründer und CEO dieses hoch-interessanten Startups, kennenzulernen. Er nahm sich ausgiebig Zeit für die Vorstellung des Unternehmens. Es wird empfohlen zunächst den ersten Teil zu lesen.

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Breite Produktpalette

In der Vergangenheit sind einige Roboter-Hersteller mit nur einem Modell gestartet (Franka, Yuanda, Agile Robots). Sie mögen den Kunden zwar überzeugen, doch wenn dieser mehr Traglast oder eine andere Reichweite als das einzig angebotene Modell wünscht, sind sie draußen. Eine Fixkostendegression kann nicht stattfinden. Andere Hersteller wie Universal Robots oder Kassow Robots decken zwar die ganze Bandbreite ab, sind aber nicht mobil. (Der Universal Robots-Vertrieb kann seit 2018 auf die Produkte der Schwesterfirma MIR zurückgreifen.) Neura Robotics hat den vielleicht breitesten Ansatz gewählt: Mit „LARA“ wird ein klassischer Cobot angeboten, mit „MAiRA“ ein kognitiver Roboter und mit „MAV“ eine größere mobile Einheit. Während „MAiRA“ zu 100% aus Eigenentwicklungen besteht, beinhaltet „LARA“, also der klassische Cobot, auch Komponenten der chinesischen Schwesterfirma. Die Roboter sind wiederum in verschiedenen Größen erhältlich.

Cobot „LARA“ – ohne Künstliche Intelligenz mit 5 bzw. 10 kg Traglast

Zu den Besonderheiten gehört auch, dass der Kunde heute einen preiswerteren sechsachsigen Roboter bei Neura Robotics kaufen und die siebte Achse bei Bedarf später upgraden kann. Sie wird dann per Software freigeschaltet. Die Wiederholgenauigkeit bei 6 Achsen dürfte mit 6 µ einmalig exakt sein, bei 7 Achsen liegt man bei 10 µ.

Interessant finde ich auch, dass auf die Nutzung einer Cloud verzichtet wird. Alles Erlernte wird lokal abgelegt. Innerhalb eines Unternehmens kann gleichwohl eine Local-Cloud angelegt werden. Durch diese können Programme eines Roboters auf einen anderen übertragen werden. (Info am Rande: Die Marke „NeuraVerse“ wurde schon vor einiger Zeit geschützt.)

Im Roboterlabor

Märkte jenseits der Industrierobotik

Das Robotik-Marktvolumen für Manufacturing steigt bis 2025 auf 15 Mrd. US-$. Der Wert mag hoch erscheinen, rechtfertigt aber noch keine ganz hohen Unternehmensbewertungen. Skalierung wird aber erreicht, wenn andere große Märkte mitbedient werden können. Dies gelingt mit dem kognitiven Ansatz am besten. Zu nennen sind hier die Märkte für Service im Haushalt (z.B. Roboter räumt auf, serviert) mit 102 Mrd. US-$, in Einzelhandelsgeschäften (Roboter holt Ware aus dem Regal für Lieferservice etc.) mit 39 Mrd. US-$, der Medizin/ Reha (incl. Operationen/ Versorgung von Pflegepatienten) mit 15 Mrd. US-$. All diese Märkte erreichen zusammen ein Marktvolumen von 150 bis 200 Mrd. US-$. Zum Vergleich: Der Smartphone-Markt beträgt etwa 800 Mrd. US-$ p.a.

Um diese neuen Märkte zu erreichen, muss der erste Schritt gemacht werden. Dies bedeutet die Roboterisierung der Industrie. Die anderen Märkte werden teilweise mit anderen Robotern erschlossen. Ein Haushaltsroboter muss beispielsweise keine echte Nutzungsdauer von 30.000 Stunden haben, da er täglich nur während einer kürzeren Zeit eingesetzt wird.

Mobile Haushaltsroboter werden vermutlich schon in wenigen Jahren den Einkauf tragen oder mit den Kindern spielen – Brettspiele sind schon heute kein Problem. Auch könnten sie beispielsweise das Kinderzimmer aufräumen oder – aus erzieherischen Gründen – es anschließend wieder in den Urzustand zurücksetzen. So würde dem Kind der Unterschied gezeigt. Im nachfolgenden Video wird gezeigt wie „MAiRA“ alle Gegenstände auf einem Tisch entfernt. Hierfür muss der User nur den Tisch markieren und den Befehl zum „Sauberhalten“ erteilen. Danach wird alles weggelegt was auf dem Tisch liegt. Dies erfolgt durch das richtige Greifen mittels hoher Sensitivität.

Wem die Idee des Haushaltsroboters zu „spacig“ erscheint, dem wird dieser Blog-Artikel über den Samsung Bot Handy empfohlen. Samsung arbeitet an einen sehr nützlichen, da vielseitigen Haushaltsroboter und hat bereits eindrucksvolle Videos veröffentlicht.

Umsatzentwicklung und Aufträge

Bislang wurden rund 80.000 Roboter nach China verkauft und teilweise auch ausgeliefert. Nach dem Verkauf von einem Gerät im Gründungsjahr 2019 (der erste Prototyp konnte bereits nach sieben Monaten gezeigt werden) konnten 2020 bereits knapp 3 Mio€ und 2021 über 11 Mio€ erlöst werden. Bei den verkauften Einheiten handelte es sich um Roboter für mechanisch weniger anspruchsvolle Tätigkeiten, wie beispielsweise dem Brustkrebsscreening. Die Roboter wurden und werden noch in China gefertigt und sind mit einem Preis von 3.850 € auch sehr günstig. In März soll die eigene Produktion in Riederich starten. Dort, einem Nachbarort von Metzingen, wird vorranging „MAiRA“ gefertigt werden.

Verschiedene Konzern hätten bereits Aufträge über 400 Mio. unterzeichnet, dazu gäbe es Absichtserklärungen über 1 Mrd, so David Reger. Die Zahlen erscheinen für einen Außenstehenden wie mich extrem hoch. Aber David Reger hat wahrscheinlich gute Chancen mit seiner Prognose Recht zu bekommen. Er sieht die Nutzung Künstlicher Intelligenz als das nächste große „Ding“ nach der Elektrifizierung der Automobilindustrie. Letztlich bedient er zwei Trendthemen: Künstliche Intelligenz und Robotik. Viele Finanzinvestoren sind ähnlich optimistisch, wie die Finanzierungen der letzten Monate bei anderen Firmen der Robotik-Branche gezeigt haben.

Diese Zahlen können bewirken, dass Neura Robotics – sofern das Umfeld (Börse!) positiv bleibt – schon bald eine Bewertung jenseits der Mrd-Grenze erreicht und damit zum höchstbewerteten Robotik-Startup der Welt avanciert. Vor einem Jahr war an dieser Stelle die Börsenbewertung der Industrierobotik mit der eines Startups für Robotic Process Automation (also Automatisierung der Verwaltung) verglichen worden. UiPath, so der Name des rumänischen RPA-Startups, wird noch immer 20x höher als Agile Robots bewertet. Wenn der Markt entsprechend vergrößert wird (also nicht nur Industriekunden) hat unsere Robotik Chancen auf deutlich höhere Bewertungen als heute.

Vertrieb

Zu den Unterscheidungsmerkmalen gehört auch der angestrebte Vertrieb. Grundsätzlich will man allenfalls die Top 3 einer Branche bedienen. Der Hauptfokus gilt der Zusammenarbeit mit Unternehmen, die bereits starke Zulieferer einer Branche sind und daher diese kennen und Neura Robotics, erweitert um eigenes Know-how, in der Branche vertreiben. Diese Partner haben die Fähigkeit und Möglichkeit die Roboter branchenindividuell zu konfigurieren, z.B. durch Anlernen typischer Tätigkeiten oder dem Einlernen genutzter Gegenstände.

Dieser Ansatz scheint mir ebenfalls sehr sinnvoll, da nur so binnen kurzer Zeit eine Skalierung mit hoher Kundenzufriedenheit erreicht werden kann.

Schlussbemerkung

Vorbehaltlich, dass die Qualität stimmt und die Funktionen, so wie bislang in den Videos und auch von mir vor Ort gesehen, alle leicht nutzbar sind, kann gerade das Modell „MAiRA“ den Markt maßgeblich erweitern und auch verändern. Für den Tech-Standort Deutschland ohne Zweifel eine Bereicherung, besteht meine Sorge eher in der Frage, ob der deutsche Mittelstand die Möglichkeiten auch zeitnah nutzen wird. Bei einem globalen Vertrieb sehe ich durchaus die Gefahr, dass die Tech-affine chinesische Wirtschaft eher „MAiRA“ & Co. nutzen und damit weitere Wettbewerbsvorteile generieren wird.

Die Perspektive Haushaltsroboter finde ich ebenfalls sehr interessant. Vorerst wahrscheinlich noch ein Gadget für Wohlhabende, aber allein dieser Markt ist schon sehr groß. Für Normalverdiener können Haushaltsroboter insofern schon bald hilfreich sein, wie sie als Vorstufe zu späteren Pflegerobotern angesehen werden können.

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In eigener Sache/ Werbung
Der Autor dieses Blogs ist maßgeblich am KI-/ Robotik-Projekt Opdra beteiligt. Er berät Robotik-Firmen und Investoren bei den Fragen Marktanalysen und Finanzierung/ Förderungen. Mehr zu seiner Person finden Sie hier.

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