Agile Robots präsentiert seine Fertigung in Kaufbeuren

An diesem Donnertag (10.11.22) erhielt ich Einblick in die Fertigung von Agile Robots am Tor zum Allgäu. Ab dem Jahreswechsel wird dort die Produktion sukzessive hochgefahren. Vor meinen Eindrücken zunächt die Pressemitteilung:

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Roboterproduktion an der Wertach entsteht – ein Ansiedlungserfolg für Kaufbeuren

Die Agile Robots AG hat 2021 im Handelsblatt, als Roboter-Start-up mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde Dollar, für Schlagzeilen gesorgt. Heute ist die Agile Robots AG ein internationales High-Tech Unternehmen mit Hauptsitz in München, Produktionsstandort in Kaufbeuren und mehr als 1.000 Mitarbeitern weltweit. Die Mission des Unternehmens ist es, die Lücke zwischen künstlicher Intelligenz -KI- und Robotik zu schließen, indem Systeme entwickelt werden, die eine hochmoderne Ganzkörper-Kraftsensitivität und weltweit führende visuelle Intelligenz bieten. Diese einzigartige Kombination von Technologien versetzt das Unternehmen in die Lage, intelligente, einfach zu bedienende und erschwingliche Roboterlösungen bereitzustellen, die eine sichere Mensch-Roboter-Interaktion ermöglichen. Die Roboterarme sind weltweit für den Einsatz in der Industrie bestimmt.

vl.: Peter Meusel (Gründer und CEO), Stefan Bosse (Oberbürgermeister Kaufbeuren), Stefan Schaumann (Produktionsleiter), Helmut Schmid (Vorstand Deutscher Robotik Verband), Prof. Dr.-Ing. Gerhard Hirzinger ( Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt / Institut für Robotik und Mechatronik). Er dürfte wie kein zweiter die Robotik geprägt haben. (Foto: Agile Robots AG)

Nachdem die Wurzeln der Agile Robots AG im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) liegen, setzt das Start-up auf hochqualifizierte Ingenieursleistung sowie Forschung und verspricht somit viele zukunftsträchtige Arbeitsplätze zu generieren. Von dieser Entwicklung profitiert nun auch der Standort Kaufbeuren, an dem sich das Unternehmen mit seiner Produktionsstätte im Momm Gewerbepark angesiedelt hat. Dort wurden in den letzten Monaten die Strukturen geschaffen, um die Produktion der Roboterarme hochzufahren.

Agile Robots-Tasche
Die Zeit der Zurückhaltung scheint sich dem Ende zu nähern. Tragetasche.

Der Kontakt mit der Kaufbeurer Wirtschaftsförderung kam bereits im März 2021 zustande. In Folge dessen wurde die Ansiedlung mit allen kommunalen Möglichkeiten unterstützt. Der Produktionsdirektor Herr Stefan Schaumann stimmt zu: „Wir haben nach einem passenden Standort für eine Produktion gesucht, welcher die Nähe zu unserer Zentrale in München hat, sich aber aus dem Speckgürtel etwas absetzt. Die Region um Kaufbeuren hat uns auf Anhieb überzeugt. Der geplante Ausbau der Bundesstraße 12 spricht enorm für den Wirtschaftsstandort. Gleichzeitig sind die gewachsene Zulieferindustrie rund um Kaufbeuren und die gut ausgebildeten Facharbeiter in der Region enorm interessant für uns.“

Neben Ingenieuren werden auch Facharbeiter und Techniker gesucht, z.B. für die elektromechanische Robotermontage sowie Prüfmittelentwickler für elektrische Systeme.

Peter Meusel, Geschäftsführer der Agile Robots AG, gibt einen Ausblick auf die Ziele für die Produktion in Kaufbeuren: „Jetzt wird es Zeit, den europäischen Markt mit Robotern „Made in Kaufbeuren“ zu versorgen. In den nächsten Jahren werden wir weitere 60 Kollegen hier am Standort einstellen, um 2.500 Roboter pro Jahr zu bauen.“

“Die einzige Käfitghaltung, die noch akzeptiert wird“, so der Oberbürgermeister. Hintergrund lt. Stefan Schaumann: In der Startphase dienen die Zäune als zusätzliche Sicherheit bei Test. Sollte eines der verwandten Teile (z.B. Leiterplatte) einen Defekt aufweisen, kann der Roboter eine Fehlfunktion haben, die so zu keinem Schaden führt.

Stefan Schaumann hebt die innovativen und zukunftsorientierten Arbeitsplätze hervor: „Bei Agile Robots entstehen Arbeitsplätze für alle Generationen. Im hauseigenen Prototypenworkshop stehen neben Zerspanungsmaschinen auch 3D Drucker, um unkompliziert und schnell Ideen umzusetzen und auszuprobieren. Das angrenzende Trainingszentrum bietet genug Raum, um die theoretischen Kenntnisse unserer Produkte und Lösungen zu erlernen und an Applikationen praktisch zu testen, was mit unserer Technologie möglich ist.“

Der Oberbürgermeister ist hoch erfreut über diese High-Tech Ansiedlung in Kaufbeuren und zeigt sich überzeugt, “dass die Robotik ein absoluter Wachstumsmarkt ist und die Innovationen der Agile Robots AG einen wichtigen Beitrag dazu leisten, im Produktionsland Deutschland in Teilen den Arbeitskräftemangel zu kompensieren.” Er wünscht den Gründern, Herrn Dr. Zhaopeng Chen und Herrn Peter Meusel, sowie dem gesamten Team eine erfolgreiche Zukunft und sichert der Agile Robots AG weiter eine engagierte Begleitung durch die Stadt Kaufbeuren zu.

Kein Glaspalast, sondern bewußt ein Gebäude mit Tradition.

Eindrücke/ Anmerkungen

Beeindruckend und angenehm bodenständig wirkt, dass die High-Tech-Roboter im Gebäude einer alten Spinnerei hergestellt werden. Wie der Oberbürgermeister Bosse ausführte, gab die Spinnerei erst kurz seinem Amtsantritt 2004 ihre Tätigkeit auf. Letztlich steht das Areal somit für die erfolgreiche Transformation in Bayern. Otto Wiesheu, der ehemalige bayerische Wirtschaftsminister, war vor einigen Jahren Redner bei einer Jubiläumsfeier von BayStartup, der bayerischen Startup-Agentur. Er hatte sie vor dem Eindruck des Niedergangs der Glasindustrie im bayerischen Wald gegründet. Denn eines war ihm klar: Was wegbricht, bricht weg und kann nur durch neues ersetzt werden. (Ich selber komme aus dem Ruhrgebiet. Dort hat man diesen Grundsatz über Jahrzehnte nicht verstanden.)

Die Woche wurde an dieser Stelle über den Umzug von Kassow Robots berichtet. Das Unternehmen zählt wenige Dutzend Mitarbeiter. Agile Robots offenbar bereits über 1.000, so die Pressemitteilung. Da ein erheblicher Teil der Belegschaft aus hochqualifizierten Spezialisten besteht und die Personalkosten in China sich auf diesem Gebiet nicht gravierend von denen in Deutschland unterscheiden, erscheint der Ansatz von durchschnittlichen Personalkosten von 100.000 €/ Person und Jahr nicht so verkehrt (incl. Sozialabgaben). So oder so dürfte das Unternehmen bereits jetzt auf Ausgaben von grob 100 Mio. € kommen. Dies impliziert, dass recht bald nach Markteinführung weitaus mehr Roboter pro Jahr verkauft werden müssen als es Kassow Robots wahrscheinlich von seiner Gründung bis heute getan hat.

Es wird eingestellt

Agile Robots hat somit ohne Zweifel großes vor oder wie Peter Meusel sinngemäß sagte, “wenn in Deutschland in 10 Roboter gedacht wird, sind es in China schnell 1.000”. Als Bestätigung meiner Foxconn-Ausführungen werte ich die Anwesenheit eines amerikanischen Beraters, der zuvor während 20 Jahre die Apple-Supply-Chains in China betreut hatte. Er schilderte im Gespräch die schieren Dimensionen der Foxconn-Fabriken. Dass die größte Fertigung 300.000 Mitarbeiter hat, war mir bekannt. Dass um sie quasi 20 Kleinstädte mit eigenen Schulen und Krankenhäuser gruppiert sind, aber nicht. Ein Fertigungsgebäude befindet sich parallel zu einem Flughafen. Seine Länge übersteigt die der Landebahn. Für uns unvorstellbar. Und da China die gleiche demographische Entwicklung wie Deutschland aufweist und dort die Personalkosten deutlich stärker steigen, kann früher oder später nur die Automatisierung das Geschäftsmodell von Foxconn sichern. Wenn es Agile Robots schafft, dann…

Mechanik dürfte weitgehend ausgereizt sein

Die Bedeutung der Software wir auch durch die Aussage von Peter Meusel unterstrichen, dass die Mechanik/ Mechatronik weitgehend erschlossen ist und es um die Software geht. Zu dem was Agile Robots hier zu bieten hat bzw. vorhat wird auf die aktuelle Ausgabe von Robotik und Produktion (S. 23-25) verwiesen. Dort wird Agile Core vorgestellt. Peter Meusel wies aber auch daraufhin, dass Agile Robots neben den KI-gesteuerten Cobots mit besten Kraft-Momenten-Regelung auch kleinere Industrieroboter anbieten wird. Im ersten Schritt scheint eine Traglast bis 12 kg angepeilt zu werden.

Fertigung

Derzeit erfolgt die Materialanlieferung, die bis zum Jahresende abgeschlossen sein soll. Dann beginnt sukzessive die Produktion. Über den “Yu” wurde nicht explizit gesprochen. Es würde nicht überraschen, wenn er quasi in der gesamten Modellpalette aufgehen würde, d.h. mit anderem Namen und auch anderem Design vertrieben würde. Insgesamt sind heute wohl 12 Modelle vorgesehen – incl. Industrieroboter. Auf diese Modelle wurde nicht eingangen, doch sah man wieder – wie auch bei der automatica – einen zweiarmingen Roboter. Es müssen also nicht nur einarmige Roboter sein. Die Mobilität wird auch kommen. Fehlt eigentlich nur noch ein humanoider Roboter. Dies ist reine Spekulation und wird sicherlich auf Sicht von 1-2 Jahren kein Thema für die Produktion.

Bereits von der automatica her bekannt. Die Hand stammt von Wessling Robotics. Das Unternehmen gehört faktisch zu Agile Robots.

Für diese von Bedeutung waren hingegen die optimalen Rahmenbedingungen. Hierfür wurde die große Halle adaptiert: Sehr helles LED-Licht erleichtert das Arbeiten ebenso wie ein komplett neuer Hallenboden vor elektro-statischen Schäden schützen wird. Für das Handling von Bedeutung ist das selbst konzipierte Regalsystem sowie die Einrichtung von Messstationen. Im Gegensatz zu einem Automobilhersteller wie BMW, der seine Lieferanten seit Jahren bzw. gar Jahrzehnten kennt, betritt Agile Robots hier Neuland. Die Lieferanten häufig auch. Umso wichtiger ist daher die Kontrolle der erhaltenen Teile. Deren Stückzahl varriiert je nach Roboter-Modell zwischen 400 bis 600, so Stefan Schaumann bei einer Führung. Mittelfristig mögen auch bei Agile Robots Roboter Roboter fertigen, so wie es bei TQ Systems im recht benachbarten Durach der Fall ist. Das personalintensive bleibt aber die Logistik. D.h. Warenannahme, -prüfung und dann Versand.

Während ein Großteil der deutschen Ingenieure vom DLR stammt, hat der Produktionsleiter Stefan Schaumann umfangreiche Industrieerfahrung. Neben Bosch ist der in der Region fest verwurzelte und kulturell als Familienbetrieb anzusehende Großbetrieb Hirschvogel zu nennen.

Für ein solche altes Gebäude bemerkenswert ist, dass die große Fertigungshalle recht wenig Säulen aufweist.

Schulungs- und Vorführraum

Etwas getrennt von der Fertigung befinden sich die Kundenräume. Kaufbeuren wird also auch für Dritte dauerhaft sichtbar.

Der Schulungsraum mit arbeitenden Diana 7.

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Der Autor dieses Blogs ist maßgeblich am KI-/ Robotik-Projekt Opdra beteiligt. Er berät KMU rund um Robotik – bis zu 50% Förderung der Beratung sind möglich. Permanent auf der Suche nach interessanten Lösungen hat er schon hunderte Applikationen gesehen. Aus diesem Grund gehören auch Großunternehmen zu seinen Kunden, die zwar über Know how verfügen, aber nicht den gesamten Markt kennen. Mehr zu seiner Person finden Sie hier.


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