Micropsi mit weiterer Finanzierung – Bewertung von 70 Mio€

Bei einem Empfang der bayerischen Staatsregierung sagte ein Minister sinngemäß: “Berlin ist bekannt für Plattform-Startups, deren Geschäftszweck die Ausbeutung von Mitarbeitern ist. München steht für KI-Startups mit Hardware und gut bezahlten Jobs.” So ganz unrecht hat er nicht, dachte ich mir an Lieferando & Co. denkend. Allerdings fiel mir als Gegenbeispiel sogleich Micropsi Industrie ein.

Opdra

Das Unternehmen ermöglicht Industrierobotern mit Varianzen umzugehen (z.B. Kabel ist nicht fixiert, sondern “baumelt”). Das Erkennen wird mittels KI, Kamera und Sensorik realisiert. Von Vorteil ist die “MIRAI” genannte Lösung auch für das Bin-Picking und für kleinere Mengen. Der Programmieraufwand ist einfach geringer. Derzeit besteht Kompatibilität zu ABB und Universal Robots.

Jüngere Entwicklung

2014 gegründet von Ronnie Vuine (CEO – Foto oben), Priska Herger und Dominik Welland stieß im gleichen Jahr noch Ulrik Deichsel hinzu. In der Folge kam es zu mehreren, zunächst kleineren Kapitalerhöhungen. Bis Ende 2020 waren in Summe rund 12 Mio€ eingezahlt worden. Die Liquidität wurde durch den bis dahin aufgelaufenen Verlust von 7,5 Mio€ (praktisch keine Aktivierungen) geschmälert. Der Verlust in 2020 lag bei knapp 2,8 Mio€ und dürfte 2021 als Folge von Investitionen in den Markt (Personalaufbau/ Büro in New York) trotz steigender Umsätze fortbetanden haben. Daher entstand wieder Kapitalbedarf zumal nun das “richtige” Ausrollen in den USA und in anderen Märkten ansteht sowie weitere Branchen erschlossen werden sollen. Mit den nun erhaltenen 30 Mio US-$ wurden bislang etwa 42 Mio€ eingesammelt.

Bewertung ist stark gestiegen

Für MIRAI gibt es längst gute Referenzen (vgl. Automationspraxis: ZF Group und Haushaltsgerätehersteller BSH), die Industrietauglichkeit ist bewiesen und Konkurrenz gibt es kaum. Vor diesem Hintergrund erscheint die stetig zunehmende Bewertung gut nachvollziehbar. Während der Unternehmenswert bei der Finanzierungsrunde im Februar 2018 mit knapp 13 Mio€ taxiert wurde, lag er Ende Juli 2020 (nächst Runde) bei 21 Mio€ und Ende 2021 bei der letzten Runde bei 69 Mio€. Einmal mehr interessant ist, mit wie wenig Personal solch eine Wertentwicklung erreicht wurde. Heute zählt man zwar mehr als 40 Mitarbeiter, in den Jahren zuvor aber ehr 20-30. Zieht man von den Personen die administrativen Mitarbeiter ab (z.B. Buchhaltung, Sekretariat oder auch Vertrieb), verbleiben die “echten” Experten. D.h. etablierte Roboterbauer hätten eigentlich mit geringen Ausgaben viel erreichen können, wenn sie die Vision und die richtigen Leute gehabt hätten. Aber dies ist halt das Grundproblem großer Organisationen: Sie verharren bisweilen im Status quo.

Gesellschafterstruktur

Die VC-Investoren halten nun klar die Mehrheit des Unternehmens. An erster Stelle ist Project A Venture mit 14,5%, coparion aus Köln (hat sich an der neuen Runde nicht beteiligt und verwaltet Geld des Bundes um Startups zu fördern) mit 13,6%, gefolgt von Metaplanet Holding (Estland – neu dabei) mit 13,6% und VITO Ventures Fonds (hat an der Kapitalerhöhung nicht teilgenommen) mit 9,2% und weiteren (incl. Family Offices). Die eingangs genannten Gründer halten zusammen noch rund 13%.

Neue Doppelspitze

Interessant finde ich, dass der jetzige CEO und Gründer Ronnie Vuine mit Dominik Bösl einen “speziellen” Kollegen erhält. Ich kenne beide Herren nicht persönlich. Vuine wirkt durch die bisherigen “Begegnungen” im Internet (Video/ Podcast) sehr technologisch und analytisch. Bösl (Podcast) ist zwar konzernerfahren (u.a. Festo, Kuka), wirkt aber bisweilen unkonventionell.

Dominik Bösl (alle Fotos von microps)

Die Pressemitteilung in Wortlaut

Berlin, 11. Februar 2022. Micropsi Industries gibt den erfolgreichen Abschluss seiner Series B Finanzierungsrunde in Höhe von 30 Millionen USD bekannt. Das Unternehmen entwickelt und vertreibt das gebrauchsfertige KI-System MIRAI zur Steuerung von Industrierobotern, das die Automatisierung von bislang analogen Fertigungsprozessen ermöglicht. Durch den Einsatz von Kameras und Sensoren, die in Echtzeit auf dynamische Bedingungen im Arbeitsbereich reagieren, können von Micropsi gesteuerte Roboter für ihren Einsatz trainiert werden. Das ermöglicht ihnen erstmalig, verschiedene Tätigkeiten im industriellen Umfeld auszuführen, die einer Auge-Hand-Koordination bedürfen. Unternehmen wie Siemens Energy, ZF Group und BSH setzen MIRAI bereits erfolgreich in der Fertigung ein.
Metaplanet, VSquared und Ahren Innovation Capital führen die Finanzierungsrunde an. Die bestehenden Investoren Project A Ventures und M Ventures beteiligen sich ebenfalls.

Micropsi als Pionier einer grenzenlosen Automatisierung

Micropsi Industries revolutioniert den bisherigen Ansatz zur Automatisierung im produzierenden Gewerbe. Dieser benötigt vor Inbetriebnahme von Robotern viel Vorarbeit: Spezialisten programmieren vorab die exakten Bewegungen der Maschinen. Das ist nicht nur aufwändig und teuer, sondern macht Roboter unflexibel, da jede Abweichung von Positionen oder Materialien sie aus dem Takt bringt. Unternehmen sind zudem abhängig von Fachkräften, die deutschlandweit fehlen. In der Industrie haben schon jetzt über 50 Prozent der Unternehmen Schwierigkeiten, Stellen mit ausgebildeten Arbeitskräften zu besetzen. Der Mangel wird sich in naher Zukunft noch weiter verschärfen.

Micropsi Industries leitet mit seinem Produkt MIRAI einen dringend benötigten Paradigmenwechsel ein: Dank künstlicher Intelligenz ist es jedem Mitarbeiter möglich, Roboter durch Demonstration zu trainieren. Dafür führt der Bediener den Roboterarm durch den Arbeitsprozess. Der Roboter lernt die Bewegungen und führt sie anschließend selbstständig aus. Dabei ist er erstmals in der Lage, in Echtzeit mit Varianzen und Veränderungen in der Umgebung umzugehen.

Unsere Technologie macht Roboter, die Bewegungen von Menschen lernen, massentauglich. Wir haben den Lehrbuchansatz nicht für bestimmte Anwendungen optimiert, sondern einen radikal anderen Ansatz gewählt, der sich daran orientiert, wie Menschen Bewegungen koordinieren”, sagt Ronnie Vuine, CEO und Mitbegründer von Micropsi. “MIRAI ist eine sehr eigenständige, bewährte Technologie, die in den Werkshallen unserer Kunden rund um die Uhr im Einsatz ist. Das hat unsere Investoren überzeugt: Hier ist ein Unternehmen, das bereits nachweislich das leisten kann, was viele aktuelle Start-ups nur versprechen.”

MIRAI wird an Industrieroboter angeschlossen und erweitert die native Steuerung. Sobald ein Roboterarm mit MIRAI ausgestattet ist, kann er seinen Arbeitsbereich über Kameras wahrnehmen und seine Bewegungen kontinuierlich anpassen, während er eine Aufgabe ausführt. Bei den MIRAI-Fähigkeiten handelt es sich nicht um Programme, sondern um gesammelte Intuitionen darüber, wie Bewegungen aussehen sollten. MIRAI reproduziert diese in Echtzeit für den Roboter.

Weitere Markterschließung und neue Roboterplattformen im Fokus

Die neue Finanzierung wird für die Expansion in den USA, den Ausbau der Vertriebsaktivitäten und die Ausweitung auf weitere Roboterplattformen verwendet. Micropsi Industries hat dafür kürzlich den Robotik-Experten Prof. Dominik Bösl als Geschäftsführer eingestellt, der für die ehrgeizige Technologie-Roadmap des Unternehmens verantwortlich ist. Prof. Bösl war zuvor in verschiedenen Positionen bei Festo, Kuka und Microsoft tätig.

Rauno Miljand, Managing Partner bei Metaplanet, zur Investition: “Intelligente Roboterautomatisierung könnte ein derzeit ungenutztes Produktivitätspotenzial erschließen. Die von Micropsi entwickelte, lernfähige End-to-End-Lösung ist eines der fortschrittlichsten Systeme auf dem Markt und ist gut positioniert, um das Potenzial in einer Vielzahl von industriellen Umgebungen zu erschließen. Die Benutzerfreundlichkeit und der schnelle Lernzyklus machen sie zu einer der am besten skalierbaren Plattformen in der Branche.”

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Der Autor dieses Blogs ist maßgeblich am KI-/ Robotik-Projekt Opdra beteiligt. Er berät Robotik-Firmen und Investoren bei den Fragen Marktanalysen und Finanzierung/ Förderungen. Mehr zu seiner Person finden Sie hier.

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