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Vorwerk drängt in die Robotik

Das Wuppertaler Unternehmen Vorwerk profitiert unverändert vom Boom beim Thermomix (Foto oben – Pressebild Vorwerk). Bei diesem hat es rechtzeitig auf die Digitalisierung gesetzt und konnte in 2021 erstmals mehr als 1,5 Mio. Stück der teuren Geräte (Preis bald wohl schon um die 1.500 Euro) verkaufen. Vom Jahresumsatz in Höhe von 3,4 Mrd. Euro entfiel zuletzt die Hälfte auf den Thermomix. Trotz der hohen Absatzmenge nehmen die Wartezeiten auf ihn zu. Mit Ausnahme von Unterhaltungselektronik dürfte kein Elektroprodukt dieser Preisklasse in so hohen Stückzahlen verkauft werden. Im Schatten vom Thermomix konnten die Kobold-Staubsauger noch stärker wachsen. Ihr Gesamtumsatz von 0,8 Mrd. Euro lag aber deutlich unter dem der Küchenmaschine. Der Kobold VR300 Saugroboter navigiert selbstständig durch die ganze Wohnung und reinigt in logischen Bahnen Hart- und Teppichböden. Per App lassen sich zudem No-Go-Bereiche definieren. Alles Eigenschaften, die auch in der professionellen Robotik wichtig sind oder für andere Anwendungen im Haushalt. Die Kobold-Sparte profitiert also stark von der Robotik, womit wir langsam beim Thema wären.


Neato Robotics

2010 beteiligte sich Vorwerk am 2005 gegründeten US-Unternehmen Neato Robotics mit Sitz im Silicon Valley. Neato Robotics entwickelte frühzeitig Staubsauger-Roboter, die technologisch anspruchsvoll waren. 2017 übernahm Vorwerk die verbliebenen Anteile. Die Geschäftsentwicklung von Neato Robotics blieb zuletzt – auch bedingt durch Corona – hinter den Erwarten, doch dürfte die Technologie beim Kobold VR 300 eingeflossen ein. Ein Vergleich des Kobold mit dem Neato lässt dies vermuten (Link). Daher dürfte die Akquisition letztlich erfolgreich gewesen sein und Appetit auf mehr gemacht haben.

Nexaro Industrielle Automatisierung

Zu Vorwerk gehört auch Nexaro. Auf Linkedin stellt sich die Marke als „Die Zukunft der automatisierten professionellen Bodenreinigung“ vor. Marke deshalb, weil die entsprechende Website im Impressum die „Vorwerk Professionell GmbH“ aufführt. Erstaunlich ist, dass Nexaro auf Linkedin nur 9 Mitarbeiter zählt. Von diesen ist keiner Robotik- oder Software-Ingenieur.

Nexaro
Screenshot von https://nexaro.com/

Gleichwohl hat Nexaro offenbar auf der Mitte Mai in den Niederlanden durchgeführten Branchen-Messe „Interclean“ seinen ersten Roboter angekündigt. Fotos oder Videos gibt es leider nicht. Möglicherweise wurde der Roboter nicht rechtzeitig fertig (Lieferketten?). Im Vorfeld wurde selbstbewußt bis revolutionär („Keine Zeit für den Aufstand am Messestand?„) geworben.

Wird „Cobot“ nur so genutzt?

Mit Nexaro verbunden sind die Worte „Cobot“ (s.o.) und „Cobotik“. Hier stellt sich die Frage, ob es sich um die Benutzung von gehypten Wörtern handelt, ob hier eine starke Interaktion mit Menschen möglich sein kann oder ob dies erst der Anfang ist. In dieser Google-Anzeige wird ebenfalls mit „Cobotic“ geworben.:

Wird bereits eifrig beworben (Screenshot von YouTube)

Vorwerk will mehr und ist schnell

Wenige Monate nach Beginn der Pandemie meldete Vorwerk ein Patent für Desinfektionsroboter an. Es ging also nicht mehr um das reine Reinigen. Die schnelle Reaktion auf die Pandemie bestätigt das Bekannte: Der Konzern beobachtet Marktopportunitäten sehr genau und handelt dann schnell.

Fraunhofer care-o-bot könnte durch Vorwerk vertrieben werden

Es verwundert nicht, dass ein Unternehmen wie Vorwerk, welches mittels Technologien die Haushaltsarbeit erleichtern will, auf der eigenen Website die Robotik thematisiert. Vorgestellt wurde beispielsweise der vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA entwickelte Assistenzroboter. Dieser hätte, so die Website, gegenüber dem Pepper (nun im Besitz der United Robotics Group) den Mehrwert aktiv mit an zu packen. Die letzte bekannte Version des 1998 begonnenen Projektes datiert von 2015. Der Roboter wird aber unverändert weiter entwickelt.

Quelle: Fraunhofer IPA, Fotos: Rainer Bez (2015)

automatica – warum wollte Vorwerk den Thermomix nicht zeigen?

Mein ehemaliger Professor, der zufällig auch Vorwerk beriet, lehrte uns auf schwache Signale zu achten. Und: Sachverhalte können unterschiedlich bewertet werden. Dies ist so einer: Bei der anstehenden automatica-Messe wird Neura Robotics lt. Wirtschaftswoche den Prototypen eines Haushaltsroboters zeigen. Neura Robotics, Anbieter des weltweit ersten kognitiven Roboters, gilt bekanntlich als einer der Favoriten wenn es um die Erschließung der Haushaltsrobotik in wenigen Jahren geht. Bei der automatica soll, so ein Insider, ein Roboter eine Küchenmaschine selbstständig bedienen und die Messe-Gäste bekochen. Vor diesem Hintergrund wurde Vorwerk angefragt, ob ein Themomix benutzt werden darf. Erstaunlicherweise wollte das Wuppertaler Unternehmen nicht dass Neura Robotics mit dem Thermomix kocht. Neura Robotics verwendet nun offenbar eine andere Küchenmaschine. So überraschend der Verzicht von Vorwerk auf die kostenlose Werbung war, ein eigenes Robotik-Programm für den Haushalt könnte die Erklärung sein.

Auf der automatica zu sehender Haushaltsroboter von Neura Robotics

Haushaltsroboter von Vorwerk wären gut für die Branche

Sollte Vorwerk den Boden verlassen und sich der aufrechten Robotik zuwenden, dann mit großer Wahrscheinlichkeit der im Haushalt. Für den künftigen Markt der Haushaltsrobotik wäre dies von Nutzen. Denn dieser ist so groß, dass auf Jahre Platz für alle wäre. Zudem würde die neue Branche schneller „ernstgenommen“. Haushaltsroboter würden als Helfer und nicht als Tech-Gadgets wahrgenommen. Robotik-Firmen wie Neura Robotics oder auch die United Robotics Group mögen noch so gute Produkte herstellen. In Privathaushalten sind sie aber recht unbekannt. Ein Ausrollen wäre daher einfacher wenn sich ein bekanntes Unternehmen mit hohem Vertrauensvorschuss der neuen Technologie annehmen würde. Das Produkt müsste weniger erklärt werden. Zudem erkauft Vorwerk Marktanteile nicht mittels niedriger Preise, wie es so mancher Cobot-Hersteller versucht hat.

Übrigens sind die Küchenmaschinen selber der beste Beweis, wie groß der Markt ist: Nach Thermomix stiegen noch Bosch und Lidl mit jeweils großen Stückzahlen ein. Dennoch ist eine Marktsättigung nicht absehbar.

Nachtrag (06.06.22): Ein Leser hat darauf aufmerksam gemacht, dass Vorwerk auch am Koch-Roboter-Anbieter Aitme beteiligt ist.

Fazit

Letztlich stellen sich einige Fragen: Woher kommt das Know-how und bleibt es bei der Bodenreinigung und wenn ja, warum verweist Nexaro (siehe Screenshot oben) auf „Cobots“. Definitiv können wir davon auszugehen, dass ein extrem ertragreicher Konzern wie Vorwerk, der seinen Erfolg Tech-Geräten zu verdanken hat und weltweit vertreten ist, alle erfolgversprechenden Entwicklungen genau verfolgt. Zu diesen gehören die Studien von Samsung zu Haushalts-Robotern. Im Bereich der Bodenreinigung ist Vorwerk bereits im privaten wie auch im professionellen Bereich aktiv. Logisch erscheint daher als nächster Schritt – wenn vielleicht auch erst später – die Assistenz-Robotik für Haushalte. Vorwerk hat Zugang zu wohlsituierten Haushalten und dürfte die Serienproduktion perfektioniert haben. Beides wären gute Voraussetzungen für einen Eintritt in diesen riesigen Markt. Der Rest – die Technik – kann notfalls zugekauft werden. Sei es über Forschungsaufträge (z.B. Fraunhofer) oder über Startup-Beteiligungen. Fest steht, die Robotik wird für Vorwerk immer wichtiger.

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